Ein Millionär rettet die Steiner-Schule

BEFREIUNGSSCHLAG ⋅ Die Rudolf-Steiner-Schule St.Gallen ist mangels flüssiger Mittel in Geldnot. Nun findet sie in Jörg Sennheiser, Seniorchef des Herstellerkonzerns der berühmtesten Kopfhörer der Welt, überraschend einen prominenten Geldgeber.
02. Juli 2017, 05:17
Odilia Hiller

Odilia Hiller

odilia.hiller@ostschweiz-am-sonntag.ch

Kopfhörer der Marke Sennheiser, angeschlossen an eine Stereoanlage von Bang & Olufsen. Der Traum eines jeden Musikliebhabers. Jörg Sennheiser ist 72 Jahre alt und Aufsichtsratsvorsitzender des gleichnamigen Hannoveraner Familienunternehmens Sennheiser, des Weltmarktführers in Sachen Mikrofone und Kopfhörer. Dass der Konzernchef und deutsch-schweizerische Doppelbürger mit seiner Schweizer Frau, der Künstlerin Marlys Sennheiser, seit Jahren in Romanshorn lebt, ist zwar kein Geheimnis. Dass er aber ein Herz für die Waldorfpädagogik hat, überrascht bei einem Grossunternehmer von Weltrang schon eher: Sennheiser unterstützt die in finanzielle Not geratene St.Galler Rudolf-Steiner-Schule per sofort mit einem Darlehen von zwei Millionen Franken. Gleichzeitig tritt der gelernte ETH-Elektrotechniker in den neu gegründeten Beirat ein und möchte die Steiner-Schule künftig auch beraten.

Jörg Sennheiser, was hat Sie bewogen, der Rudolf-Steiner Schule St.Gallen mit einem Darlehen von zwei Millionen Franken zu helfen?

Meine Frau und ich sind überzeugt, dass die Waldorfpädagogik etwas ganz Besonderes ist. Unsere drei Kinder, die mittlerweile erwachsen sind, haben die Waldorfschule in Hannover besucht. Aus allen ist etwas Gutes geworden. Deshalb bin ich gerne bereit, die Schule, die betriebswirtschaftlich am Ende war, zu unterstützen und damit etwas in jene Richtung zurückzugeben, die unserer Familie gutgetan hat.

Jörg Sennheiser. Zoom

Jörg Sennheiser.

Welche Erwartungen haben Sie an die Schule?

Ich wäre nicht eingestiegen, hätte ich nicht gesehen, dass schon viel Vorarbeit geleistet wurde zur Sanierung der Schule. Wir wissen, was dort anders laufen muss, damit sie erfolgreich sein kann.

Was muss sich ändern?

Das Ziel ist, die Schule in die heutige Zeit zu führen, auch unternehmerisch. Es geht darum zu modernisieren und umzudenken, ohne die bewährten Grundsätze der Waldorfpädagogik aufzugeben. Der breite Horizont, der den Kindern vermittelt wird, überrascht mich immer wieder. Ich habe das beispielsweise bei Ingenieuren unseres Unternehmens in Hannover gesehen, deren schulische Laufbahn über eine Waldorfschule geführt hatte: Das waren immer sehr «breite» Persönlichkeiten mit einem weiten Horizont und klaren Stärken in Sachen Gruppendynamik und Sozialkompetenz. Zudem sind sie meist sehr kreativ. Das ist bei Ingenieuren, die oft einen hohen technischen Spezialisierungsgrad aufweisen, nicht selbstverständlich. Mit ehemaligen Waldorfschülern kann man auch verrückte Sachen anstellen. Das ist in einem Unternehmen wie dem unsrigen, wo Innovation einen enorm hohen Stellenwert hat, ganz wichtig.

Denken Sie, diese Fähigkeiten bleiben auch in Zukunft wichtig?

Das ist sehr wahrscheinlich. Es wird immer wichtiger, den Überblick nicht zu verlieren. Es ist doch so, dass Kinder all diese Fähigkeiten meist mitbringen. Eine gute Steiner-Schule bringt sie zur Entfaltung, anstatt sie zu unterdrücken.

Sie werden sich nicht nur finanziell engagieren, sondern auch im Beirat.

Ja, es ist wichtig, dass der Schule wirtschaftliche und juristische Kompetenz zugeführt wird, um die unternehmerische Seite zu stärken. Es ist realistisch, dass wir in zwei, drei Jahren den Break-even erreichen und dann normal und nachhaltig wachsen können. Da zudem viele Eltern abgesprungen sind, müssen wir neue Schüler dazugewinnen.

Wie sind Ihre eigenen Erinnerungen an Ihre Schulzeit?

Ich habe die klassische Schullaufbahn genossen und an der ETH Zürich studiert. Meine Erinnerungen an die Schulzeit sind durchwegs positiv.

Welche Rolle spielt Ihre Frau bei dieser Unterstützungsgeschichte?

Mein Frau ist die Treiberin dahinter. Sie war es auch, die unsere Kinder an die Waldorfschule geschickt hat. In Hannover engagierten wir uns dann als Eltern gemeinsam für die Schule.


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