Nichts von Hokuspokus

FREIMAURER ⋅ Daniel Bilinski ist mit 39 Jahren eines der jüngsten Mitglieder der St. Galler Loge Concordia. Warum er davon überzeugt ist, dass die Idee der Freimaurer bis heute greift und überaus aktuell ist.
Aktualisiert: 
10.09.2017, 17:00
10. September 2017, 05:18
Interview: Brigitte Schmid-Gugler

Interview: Brigitte Schmid-Gugler

Der Landschaftsarchitekt Daniel Bilinski stammt aus dem Ruhrgebiet. Während seiner bisher elf Berufsjahre in der Schweiz ­begann er sich für die Freimaurer zu interessieren. Vor fünf Jahren wurde er Lehrling, vor einem Jahr Meister der St. Galler Loge Concordia. Das Gespräch mit ihm findet im «Vorhof» des Tempels des Restaurants Schlössli statt. Das Gebäude gehört der «Schlössli-Gesellschaft». Die drei St. Galler Logen retteten es vor dem Abbruch und richteten unter dem Dach ihre Räumlichkeiten ein.

 

Daniel Bilinski, was ist das für eine sonderbare Verkleidung, die Sie da tragen? Und was sind das für Sachen, die Sie um sich drapiert haben?

Das sind die symbolischen Ingredienzen unserer Gemeinschaft und Rituale. Sie können es Verkleidung nennen. Aber wenn ich Band, Schurz, Bijou und Handschuhe anziehe, ist das bereits Teil des Rituals. Ich bin dadurch ein bisschen woanders. Es würde nicht in die profane Welt passen.

Die profane Welt?

So nennen wir, was ausserhalb dieser geschlossenen, nur den Freimaurern zugänglichen Mauern passiert und gesprochen wird. Wenn wir hinaustreten, gehören auch wir wieder zu dieser profanen Welt.

Über die Freimaurer kann man unter anderem lesen, dass in die Loge Aufgenommene ihre Handschuhe jemandem schenken sollen, den sie ganz besonders lieb haben. Wem haben Sie Ihre geschenkt?

Wir verschenken Rosen, nicht Handschuhe. Meine Frau war die Empfängerin.

Weiss sie von Ihrer Mitgliedschaft bei den Freimaurern?

Selbstverständlich! Die Partnerinnen müssen ihre Einwilligung geben. Sie werden persönlich von einem höheren Mitglied der Loge besucht und befragt. Danach folgt ein Gespräch zu dritt.

Aber Frauen bleiben aussen vor, wenn die Freimaurer sich treffen.

Ich will jetzt hier nicht mein ­eigenes Grab schaufeln. Doch ich habe neulich am Radio eine Sendung gehört. Jemand hatte gefragt, warum die Freimaurer, als gemeinnütziger Verein organisiert, steuerbefreit sind und die Hälfte der Gesellschaft ausschliessen. Ich finde die Frage berechtigt und bin absolut für Gleichberechtigung!

Damit dürften Sie aber in Ihrem Männerclub ziemlich alleine dastehen.

Indem man Fragen ignoriert, werden sie nicht gelöst. Es wurden übrigens früher durchaus Frauen in die regulären Logen aufgenommen.

Weshalb sind Sie als links­liberaler Mensch, wie Sie sich selber bezeichnen, zu den Freimaurern gegangen?

Beim Lesen über grosse Persönlichkeiten stiess ich öfter auf den Hinweis, dass sie Freimaurer waren. Ich begann mich einzulesen und dachte: Mensch, so was bräuchte es heutzutage! Die ­Ideale der Aufklärung. Liberté, Egalité, Fraternité. Ich war sehr überrascht zu erfahren, dass die Freimaurer nicht etwas Uralt-Verstaubtes, sondern hier und jetzt aktiv sind. Also kontaktierte ich eine hiesige Loge.

Und wurden Sie aufgenommen?

Das Aufnahmeverfahren, ein Initiationsritual, war ein einschneidendes Erlebnis. Emotionaler Stress. Das kann man nicht erklären. Es ist wie mit Sex. Man kann drei Tonnen Bücher lesen und weiss dennoch nicht, wie es ist. Man muss es machen, es erleben.

Was also geschah?

Kein Hokuspokus. Symbolisch stirbt der alte Mensch, der freimaurerische steht auf. Wir haben den Stein, unser wichtigstes Symbol. Wir sehen uns als ungeschliffenen Stein, an dem gearbeitet werden muss, damit er in die Mauer, den Tempel der Humanität passt. Das geht nur, wenn man bereit ist, an sich ganz persönlich zu schleifen und Kanten zu glätten. Ich bin mir heute vielmehr meiner Rolle bewusst, die ich auf der Welt spiele. Früher habe ich mich zu sehr treiben lassen.

Das klingt ein bisschen wie im Religionsunterricht.

Das kann ich nicht beurteilen. Meine Eltern sind nicht in die ­Kirche gegangen. Ich weiss bloss, dass die römisch-katholische ­Kirche die Freimaurer ablehnt. Apropos: Was ist denn die heilige Kommunion anderes als eine symbolische Handlung?

Gibt es also unter Frei­maurern keine Katholiken?

Doch. Auch Juden, Muslime und Protestanten sind bei uns dabei. Die Freimaurerei ist aber keine Religion. Wir beantworten nicht die Fragen, woher wir kommen und wohin wir gehen.

Sondern?

Wir können innerhalb einer netten, ehrenhaften Gemeinschaft von Brüdern – alle von gutem Ruf – unter Laborbedingungen üben, bessere Menschen zu werden. Wenn ich drinnen scheitere, werde ich auch draussen scheitern.

Eine nette, ehrenhafte ­Gemeinschaft?

Wir werden ermahnt, unser Bestes im Beruf, in der Familie, im Staat zu geben, solange es nicht unser Gewissen beeinträchtigt. Das Gewissen ist der Massstab.

Gibt es nicht genug Beispiele dafür, dass von Männern hinter verschlossenen Türen Verhandeltes nicht zum Besseren auf der Welt ­beitrug?

Wir sind keine besseren Menschen. Höchstens etwas selbstreflektierter. Innerhalb des geschlossenen Raumes ist Kritik absolut erwünscht. Ein Stein wird nicht mit Samt geschliffen. Es gibt Lärm, die Fetzen fliegen. Auch Ältere, die es nicht gewohnt sind, dass sie ein Junger kritisiert, müssen das ertragen können.


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