Die Steiner-Schule schlingert

PRIVATSCHULE ⋅ Vor einigen Jahren erlebte die St. Galler Rudolf-Steiner-Schule einen Boom. Jetzt muss sie aus finanziellen Gründen die Wiler Schule abstossen und schliesst den im Jahr 2012 eröffneten zweiten Kindergarten. Die Schulleiterin nennt es «Neuausrichtung».
04. Juni 2017, 10:41
Odilia Hiller

Odilia Hiller

odilia.hiller@ostschweiz-am-sonntag.ch

Privatschulen haben es nicht leicht. Während der Kanton ihnen mittels strenger Auflagen und Inspektoren auf die Finger schaut, erhalten sie vom Staat keinen Rappen – egal wie gut ausgebildet die Kinder sind, die sie am Ende der Schulzeit hervorbringen. In finanzielle Schwierigkeiten ist nun die St. Galler Rudolf-Steiner-Schule geraten – und das nicht zum ersten Mal.

Weil flüssige Mittel fehlen, muss sie sich auf das neue Schuljahr hin radikal verkleinern: Der zweite Kindergarten, der im Jahr 2012 eröffnet worden war, wird per Ende Schuljahr wieder geschlossen, bestätigt Schulleiterin Elisabeth Anderegg auf Nachfrage der «Ostschweiz am Sonntag». Die St. Galler Schule trennt sich auf das neue Schuljahr hin auch von der Wiler Steiner-Schule, mit der sie vor vier Jahren fusioniert hatte («Wiler Zeitung» vom 13. Mai). Für die Inbetriebnahme des zweiten Kindergartens hatte die Schule, Eigentümerin einer grossen, eigenhändig erbauten Liegenschaft im Osten der Stadt, aus Platzgründen einer privaten Kinderkrippe gekündigt. Diese musste sich nach einer neuen Bleibe umsehen. Im Jahr 2013 meldete die Steiner-Schule für eine weitere Fläche Eigenbedarf an. Daraufhin musste sich die eingemietete Privatschule Primaria der SBW-Gruppe auf Standortsuche machen und zog 2015 ins Gasthaus Stocken.

Ab August mit neuer Schulleitung

Schulleiterin Elisabeth Anderegg fungiert seit Jahren als Schulsaniererin und Troubleshooter, sobald die Steiner-Schule schlingert. Das war in den vergangenen Jahren wiederholt der Fall: Diesen August übernimmt mit Heidrun Weber die vierte Schulleiterin innert drei Jahren. Nachdem Anderegg zwischen 2010 und 2014 die Schule auf Vordermann gebracht und die Schülerzahlen von rund 50 auf über 180 gesteigert hatte, versuchten sich nacheinander zwei Schulleiter in der Führung des Betriebs. Beide wurden nach kurzer Zeit krank und überliessen jeweils Anderegg wieder das Ruder. Im Umfeld der Schule ist zumindest in einem Fall von Burn-out die Rede.

«Unvorhergesehene Sonderausgaben»

Diesmal soll es das letzte Mal sein, dass sie einspringen musste, sagt Anderegg. In Sachen Finanzkrise spricht sie von «normalen Umwälzungen». Aber auch von einer «totalen Neuausrichtung» der Schule, die nun anstehe. Die Mehrausgaben durch den Todesfall einer Lehrerin, die Häufung von Krankheitsfällen sowie weitere «unvorhergesehene Sonderausgaben» hätten die Finanzen der Privatschule ins Wanken gebracht. Zwar stecken über 16 Millionen Franken in der Liegenschaft, doch löst dies keinerlei Liquiditätsprobleme. «Die Liegenschaft ist immerhin eine grosse Sicherheit für uns, aber auch für Investoren und Sponsoren.»

Zurzeit sucht die Schule intensiv nach Kapitalgebern. «Wir haben ein sehr soziales Beitragssystem für die Familien, die ihre Kinder zu uns schicken.» Das werde der Schule immer wieder zum Verhängnis. Je nach Einkommen beträgt das monatliche Schulgeld zwischen 850 und 2000 Franken. «Damit sind wir im Vergleich zu anderen Privatschulen günstig.» Auch beim Lehrpersonal kommt es zu einschneidenden Veränderungen. Einige Eltern hat dies veranlasst, ihre Kinder auf Ende des Schuljahres aus der Schule zu nehmen, wie Recherchen der «Ostschweiz am Sonntag» zeigen. Fünf Lehrpersonen verlassen die Schule, drei neue kommen. Innerhalb des Kollegiums kommt es zu zahlreichen Verschiebungen bei der Klassenführung. «Es ist klar, dass eine Neuausrichtung Unruhe mit sich bringt», sagt Elisabeth Anderegg, die in ihrem Berufsleben 19 Steiner-Schulen in der Schweiz und im Ausland als Leiterin oder Beraterin begleitet hat. «In solch kritischen Phasen gibt es immer Eltern, die das nicht mittragen wollen.»

Tatsache sei auch, dass die Steiner-Schule hohe Anforderungen an die Lehrkräfte stelle, dabei aber im Vergleich zur Staatsschule niedrige Löhne zahle. «Eines der Ziele der Neuausrichtung ist es, die Gehälter der Lehrpersonen langfristig zu erhöhen», so die Schulleiterin. Zumal die Lehrenden zusätzlich zu staatlichen Diplomen eine Waldorf-Ausbildung vorweisen müssten.

Geduldsfaden gerissen

Wie viele Eltern ihr Kind ab August nicht mehr in die Steiner-Schule schicken, kann Anderegg noch nicht voraussagen. Ein Vater, dessen Familie der Geduldsfaden gerissen ist, sagt: «Verschiedene Faktoren haben uns dazu bewogen, unser Kind ab Sommer in einer anderen Privatschule unterrichten zu lassen. Wir haben der Steiner-Schule jahrelang die Stange gehalten.» Nun aber seien vor allem die Umwälzungen im Lehrerteam zu einschneidend geworden. «Es war für uns nicht mehr immer nachvollziehbar, wie professionell die Schule geführt ist.» Man sehe, dass das Bemühen gross sei. Die Ausführung überzeuge ihn nicht mehr. Auch sei es ihm zunehmend schwerer gefallen, die Kostenstruktur nachzuvollziehen: «Wir haben der Schule immer wieder Geld gespendet, aber es scheint nie zu reichen.»


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