Theater auf dem Packeis

Vor 100 Jahren verloren Ernest Shackleton und seine Begleiter ihr Expeditionsschiff Endurance im Eis der Antarktis und erlebten eine der dramatischsten Episoden der Polarforschung.
01. November 2015, 02:35
KERSTIN VIERING

Ein unheimliches Krachen zerriss die eisige Stille, das Splittern hölzerner Planken. Spätestens jetzt dürfte Ernest Shackleton klargeworden sein, dass es für die «Endurance» kein Entrinnen mehr gab. Schon seit Monaten war das Expeditionsschiff in den Gewässern der Antarktis festgefroren. Dann gab der Rumpf dem gewaltigen Druck des Packeises nach. Shackleton liess die Schlittenhunde, Rettungsboote und Vorräte aufs Eis schaffen. Am 27. Oktober 1915 musste das Schiff evakuiert werden, noch aber konnten die Männer weitere Ladung retten. Bis die «Endurance» am 21. November in den eisigen Fluten versank. Es schien das Ende eines Traums zu sein.

Dabei wollte Ernest Shackleton doch eigentlich ein neues Kapitel in der Geschichte der Polarforschung schreiben. Der Brite hatte zwar schon an etlichen Expeditionen teilgenommen, doch der ganz grosse Erfolg war ihm versagt geblieben. Den Südpol hatten schon andere erreicht, den Nordpol angeblich auch. Also hatte er ein neues Projekt ins Auge gefasst: Die erste Durchquerung der Antarktis. Mit einer Zeitungsanzeige soll Ernest Shackleton für das ehrgeizige Unterfangen geworben haben: «Männer gesucht für gefährliche Reise. Geringer Lohn, bittere Kälte, lange Monate in vollkommener Dunkelheit. Sichere Rückkehr fraglich. Ehre und Anerkennung im Fall des Erfolges.» Ob es die Annonce wirklich gegeben hat, ist unklar. An Bewerbern für die Expedition fehlte es jedenfalls nicht. Mehr als 5000 Abenteuerlustige meldeten sich, 56 bekamen eine Zusage.

Glitzernde Falle schnappt zu

Am 8. August 1914 legte die «Endurance» im englischen Hafen Plymouth ab, am 5. Dezember verliess sie nach einem letzten Zwischenstop die Walfangstation Grytviken auf der Insel South Georgia. Dann aber lief es nicht so, wie es sollte. Das unberechenbare Packeis machte der Expedition einen lebensgefährlichen Strich durch die Rechnung. Immer enger wurden die Kanäle zwischen den einzelnen Schollen. Und am 18. Januar 1915 schnappte die glitzernde Falle endgültig zu. Die Männer waren im antarktischen Weddellmeer festgefroren, und der endlose Polarwinter stand vor der Tür. Erst Monate später würde das Schiff wieder freikommen. Wenn überhaupt. Wie sollte man nicht durchdrehen, wenn man für ewig und drei Tage am eisigen Ende der Welt festsass?

Shackleton setzte der Langeweile Theateraufführungen und Fussballspiele auf dem Eis entgegen, Schlittenhunderennen und Geburtstagsfeiern. Nach dem Verlust ihres Schiffes war für die Polarforscher Zelten auf dem Eis angesagt. Robben und Pinguine kamen auf die Teller, das Fett der Tiere lieferte Brennstoff für die Öfen. Und wieder kämpften die Männer mit Spielen und Musik gegen die Eintönigkeit der Tage. Derweil ging der kurze antarktische Sommer vorüber und sie drifteten weiter nach Norden. Die Eisscholle, auf der sie hockten, war mit den steigenden Temperaturen immer weiter geschrumpft und drohte endgültig zu zerbrechen. Es half alles nichts: Sie mussten ein neues Wagnis eingehen.

Am 9. April 1916 kletterten die Männer in ihre drei Boote und nahmen den Kampf gegen die eisigen Fluten und Stürme des Südpolarmeeres auf. Nach sechs Tagen war der Höllentrip endlich zu Ende. Auf der unbewohnten, abgelegenen Insel Elephant Island bekamen die Männer wieder festen Boden unter die Füsse, das war aber auch schon alles. In die Zivilisation zurückkehren konnten sie nur, wenn sie South Georgia mit seinen Walfängern erreichten. Das aber bedeutete, dass sie weitere 1300 Kilometer eisiges Meer mit turmhohen Wellen zu bezwingen hatten. Konnte man das überhaupt überleben?

Falsche Seite der Insel

Wenn sie nicht auf Elephant Island sterben wollten, mussten sie es versuchen. Am 24. April 1916 bestieg Shackleton mit fünf Begleitern eines der Boote und nahm Kurs auf South Georgia, um Hilfe zu holen. Mehr als zwei Wochen lang kämpfte sich die nicht einmal sieben Meter lange «James Caird» durch Kälte, Stürme und Wellengebirge. «Die ständige Bewegung des Bootes machte das Ruhen unmöglich; wir waren durchgefroren, uns tat alles weh, und wir hatten Angst», berichtete Shackleton in seinem drei Jahre später erschienen Buch «South». Doch am 10. Mai 1916 kam das Boot mitsamt seiner Besatzung tatsächlich auf South Georgia an.

Nur leider auf der falschen Seite. Zwischen dem Landeplatz und der norwegischen Walfangstation Stromness lag eine Welt aus Gletschern und Tausend Meter hohen Bergen, die bis dahin noch niemand erforscht hatte. Doch Aufgeben kam jetzt auch nicht mehr in Frage. Drei der Männer blieben am Strand zurück, während Shackleton und die beiden übrigen in einem 36stündigen Gewaltmarsch das Inselinnere durchquerten.

«Ich fürchte, wir riechen»

«Draussen sind drei komisch aussehende Männer, die sagen, dass sie über die Insel gekommen sind und Sie kennen», meldete der Vorarbeiter dem Leiter der Walfangstation, Thoralf Sørlle. Der glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er sich plötzlich dem längst totgeglaubten Polarforscher gegenübersah. «Kommt rein, kommt rein», drängte der Norweger. Doch Shackleton zögerte: «Ich fürchte, wir riechen.»

Für den Rest der Mannschaft, der immer noch an zwei ziemlich unwirtlichen Orten festsass, war das zu dem Zeitpunkt ein eher nebensächliches Problem. Doch auch für sie sollte das Warten bald ein Ende haben. Zunächst wurde ein Walfangschiff zur anderen Seite der Insel geschickt, um die dort Zurückgelassenen abzuholen. Und am 30. August 1916 gelang auch die Evakuierung der 22 Männer von Elephant Island. Auf der gesamten Expedition war damit kein einziger Teilnehmer ums Leben gekommen – auch dank der Führungsqualitäten von «Boss» Ernest Shackleton, der nach diesem Antarktisdrama zur Legende wurde – obwohl er die meisten seiner Ziele nicht erreicht hatte.


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