Spicken 2.0

So praktisch: Der fotografierte Spickzettel lässt sich mit dem Smartphone gross zoomen. Können Lehrerinnen und Lehrer im Zeitalter von Apple-Watch oder Google-Brille das Spicken überhaupt noch verhindern?
28. September 2014, 02:32
FREDI ZUBERBÜHLER

Wer sich in China zu einer Aufnahmeprüfung an eine Elite-Universität anmeldet, muss sich auf eine pedantische Leibesvisitation gefasst machen. Um dem Spicken vorzubeugen, werden die Studierenden vor der Prüfung gescannt und untersucht wie am Flughafen vor einem internationalen Flug – bei höchster Terrorgefahr.

In unseren Breitengraden hat die Kontrolle noch nicht diese Stufe erreicht. Eine Veranstaltung des Berufs-und Weiterbildungszentrums Rorschach (BZR) zum Thema «Wie wird heute gespickt?» stiess jedoch auf grosses Interesse bei Lehrerinnen und Lehrern: Haben Sie ein ungutes Gefühl bei ihren Massnahmen gegenüber spickenden Schülern? Fühlen Sie sich den technisch versierten Jugendlichen unterlegen?

Die Schule hat nicht zu dieser Veranstaltung eingeladen, weil es am BZR ein gravierendes Problem mit Spicken gibt – sie ist eingebettet in einen grösseren Zyklus von interner Weiterbildung mit dem Titel «Prüfen und Bewerten» und gehört darin zum Kapitel «Neue Medien». Die Schulleitung strebt eine einheitliche Handhabung bei Verfehlungen an, wie es in einem Ziel zu dieser Veranstaltung formuliert wird.

Der gute alte Spickzettel

Der gute alte Spickzettel hat noch nicht ausgedient, wie Martin Hofmann, Professor für Mediendidaktik und Medienpädagogik an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen (PHSG), gleich zu Beginn seines Referats feststellt. Im Gegenteil, er werde auch heute noch oft verwendet. Erfinderisch seien die Lernenden bei den Verstecken: im BH, unter dem Rockaufschlag, auf Papiertaschentüchern, auf Getränkebehältern etc.

Natürlich versuchen Schülerinnen und Schüler heute vermehrt über das Smartphone zu spicken. Es verfügt über ein paar praktische Funktionen: Fotografieren-Senden, schnelles Ein- und Ausschalten, Zoomen des fotografierten Spicks. Ein Smartphone lässt sich sogar in den Taschenrechner einbauen. Wer als Lehrperson die Smartphones während der Prüfung auf dem Lehrerpult deponieren lässt, sollte sich nicht täuschen lassen. «Die meisten Lernenden besitzen nämlich mindestens zwei», führt Hofmann aus.

Touchscreen unter der Haut

In Zukunft werden Lehrer mit weiteren neuen «Hilfsmitteln» konfrontiert werden. Da sind beispielsweise die Apple-Watch oder die Google-Brille mit Filmkamera. Ganz grundsätzlich werden die technischen Geräte immer raffinierter und multifunktionaler. Eine futuristische Möglichkeit bietet beispielsweise das Digital Tattoo, bei dem man sich einen Touchscreen unter die Haut eintätowiert. «Spicker und Spickerinnen werden nicht aussterben», versichert der Medienpädagoge.

«Sprechen Sie im Unterricht über das Spicken?» lautet eine der Fragen, die Hofmann an die anwesenden Lehrerinnen und Lehrer richtet: 80 Prozent sagen Ja, 20 Prozent sagen Nein. Normalerweise sei das Resultat umgekehrt, meint der PHSG-Experte. «Wo ist Ihre Toleranzgrenze? Sind Abschauen, Flüstern und Spicken gleich zu bestrafen?» heissen weitere Fragen. Die Antworten zeigen, dass Lehrpersonen sehr individuell vorgehen. Viele sprechen erst noch eine Verwarnung aus, bevor sie zu Massnahmen greifen. Einige andere reagieren knallhart und schreiben sofort die Note 1. Andere bestimmen die Strafe unter Berücksichtigung der Umstände, der Person, der Art des Spickens sowie der «Schwere des Vergehens».

Denkleistung verlangen

Gegen das Spicken gibt es selbstverständlich die üblichen Methoden: Herumgehen, Spiegel montieren, Stichkontrolle, zwei Ausgaben von Prüfungen erstellen. Eine der wirksamsten sei aber nach wie vor die komplexe Aufgabenstellung, bei der nicht simples, auswendiggelerntes Wissen abgefragt werde, sondern Zusammenhänge und Denkleistung verlangt würden, sagt Hofmann.

Grundsätzlich ehrlich

Aus der Perspektive der Lernenden stellt sich die Situation differenzierter dar, als man vielleicht erwarten könnte. Laut Hofmann können Lehrerinnen und Lehrer von einer grossen Ehrlichkeit der Lernenden ausgehen. Wie das Fehlverhalten von der Klasse selber beurteilt wird, hänge vom sozialen Status und der Glaubwürdigkeit der betreffenden Person innerhalb der Gruppe ab. In Sachen Spicken werden Kameraden pragmatisch beurteilt. Hatte jemand keine Zeit zum Lernen, so wird ihm das leicht verziehen, sagt Hofmann. Passen Lehrpersonen während einer Klausur nicht auf, mache dies das Spicken aus der Sicht der Lernenden faktisch legitim.

Kleine Helfer im Internet

Im Internet finden sich unzählige Quellen mit Spicktips, Anleitungen zum Spicken bieten YouTube-Filmchen. Zu kaufen gibt's unter anderem auch einen Spickkugelschreiber für Fr. 14.90.

«Ich kenne alle Spickmethoden! Passt also auf, was ihr macht!» – Droht eine Lehrperson ihren Schülern auf diese Weise, werden die Lernenden wohl erst recht zum Spicken animiert. Sie fühlen sich herausgefordert und wollen dem Lehrer beweisen, dass er falsch liegt.

Literatur für Lernende und Lehrpersonen: «Der Schummler» von M. Trojan, 2013, Verlag Engelsdorfer, Fr. 16.90. praxistipps.chip.de/spicken-mit- android-handy-die-besten-tipps_29923


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