Nostalgisch, mit Herz und Seele

Vor dem Nostalgietheater Balgach zieht die Konkurrenz den Hut. Von 5000 Eintrittskarten für «My Fair Lady» waren Wochen vor der Premiere schon fast alle weg.
13. Oktober 2013, 02:36
TEXT: GERT BRUDERER BILDER: MICHEL CANONICA

BALGACH. Eliza Doolittle, die Blumenverkäuferin mit vulgärer Sprache, wandelt sich im Musical zur Lady und beeindruckt selbst die Königin von Transsylvanien. Die gleiche Strahlkraft wie Eliza hat das Nostalgietheater. «Was die leisten – Hut ab», sagt der frühere Regisseur der St. Margrether Theatergruppe Heldsberg und Schauspieler anderer Ensembles anerkennend neidlos: «Die Balgacher spielen in einer ganz anderen Liga.»

Es begann vor 15 Jahren mit dem Stück «Der Schmied von Balgach». Es folgten, im Abstand von jeweils drei Jahren, «Die kleine Niederdorf Oper», «Der schwarze Hecht», «Grüezi» und «Im weissen Rössl». Seit der jüngsten Premiere vom Freitag stehen die 30 Laienschauspieler, die fast alle aus der näheren Umgebung stammen, für «My Fair Lady» sicher zwölfmal auf der Bühne der Balgacher Mehrzweckhalle. Die Choreographie ist professionell, das Bühnenbild von einer Qualität, die Stadttheater-tauglich wäre, und mit dem Stradis Orchester aus Wil haben die Balgacher die gleichen Profis verpflichtet, die bereits dem Theaterverein Fürstenland zur Seite standen. Dieser hat «My Fair Lady» vor drei Jahren in Gossau aufgeführt.

«Volkskultur par excellence»

In Balgach wie in Gossau werde «Volkskultur par excellence» gemacht, sagt Walter Strassmann, der in Arnegg lebende Dirigent des Stradis Orchesters. Alle, vom Kulissenschieber bis zum Hauptdarsteller, seien immer leidenschaftlich bei der Sache. Hier wie dort beträgt die Vorbereitungszeit ein ganzes Jahr, in Balgach wird dem Einbezug von Profis eher noch ein wenig mehr Bedeutung beigemessen. Ihre Unterstützung spornt zusätzlich an. Opernsänger Rodolfo Mertens aus Speicher sagt über das Nostalgietheater: «Zuschauer, die nicht vom Fach sind, merken nicht, dass Laien auf der Bühne stehen.»

Von den Schauspielern ist einzig Franziska Zimmerli vom Fach. Sie spielt Eliza. Die ausgebildete Sängerin mit klassischer Ausbildung und viel Bühnenerfahrung lebt in Thalwil, ist aber häufig in Altstätten, wo sie zur Welt kam und wo ihre Mutter zu Hause ist. Der Ehrgeiz des Nostalgietheaters hat es der Operettenspezialistin ebenso angetan wie die Begeisterung aller Beteiligten. Inzwischen ist Franziska Zimmerli selbst eine Infizierte. Spricht sie übers Nostalgietheater, fängt sie gleich zu schwärmen an. Dem Bühnenbild verleiht sie gar das Prädikat «sensationell», Kulissenbauer Jakob Oehler habe nochmals einen Zacken zugelegt.

Stolz-Tochter: «Unvergesslich»

Von der «Familie Nostalgietheater» sprach vor sechs Jahren der damalige Balgacher Gewerbevereinspräsident René Metzler. Den Vätern des Nostalgietheaters – Regisseur Willy Hutter, Präsident Peter Tanner und Bühnenbildner Jakob Oehler – überreichte Metzler den örtlichen Preis für besondere Leistungen, den «Gwerbler Balgi», eine Skulptur mit Balgachs Wappentier, dem Löwen. Die ihm nachgesagten Eigenschaften treffen auch aufs Nostalgietheater zu, das seine aktuelle 500 000-Franken-Produktion selbstbewusst, zielstrebig und mit mehreren tausend Stunden an ehrenamtlicher Arbeit erarbeitet hat.

Als vor sechs Jahren «Grüezi» mit der Musik von Robert Stolz aufgeführt wurde, sass Stolz' Tochter Clarissa Henry im Publikum. Auch die in Wien und London lebende Tochter des berühmten Komponisten bescheinigt den Balgachern, «so gut wie Profis» gewesen zu sein, und rechnet das Theatererlebnis den besten zu, die sie je von einem Laientheater gesehen habe – und das sind nicht wenige. «Grüezi» (besser bekannt als «Himmelblaue Träume») bleibt der einstigen Schauspielerin, die bis zur Heirat in Berlin und London auf der Bühne stand, als «wunderschöner Abend» in Erinnerung. Die Balgacher hätten gezeigt, «was Profis mitunter vermissen lassen: Herz und Seele».

Die 20 000 Franken, die das Nostalgietheater vom Kanton erhält, genügen gerade mal für die Aufführungsrechte. Aber auch der Verein St. Galler Rheintal, die Gemeinde Balgach und viele Sponsoren unterstützen «My Fair Lady». Der Heerbrugger Garagist Bruno Bischofberger bucht für seine Kunden sogar ganze Aufführungen und ist hocherfreut, dass in unmittelbarer Nähe seines Geschäfts etwas so «Einzigartiges auf hohem Level» stattfindet, auf das sich seine Kunden immer «riesig freuen».

Zusätzlicher Stuhl

Dem Vereinspräsidenten Peter Tanner ist der Stolz allerdings aus der Nase zu ziehen. Es ist schwer, ihm eine Selbsteinschätzung zu entlocken, die dann erst noch von ein bisschen Understatement zeugt. Er sagt: «Wie wir das machen, auch mit diesem Aufwand, so betreibt das in der Ostschweiz niemand, und ich glaube schon, dass wir in dieser Gegend zu den besten zählen.»

Viele Kantonsräte, Gemeindepräsidenten und andere Politiker haben schon eine Aufführung des Nostalgietheaters gesehen, noch nie aber «war die Regierung zu Gast», sagt Peter Tanner. Er bemerkt es nebenbei, räumt ein, man habe die Regierung bisher auch nie eingeladen. So ist das Nostalgietheater der früheren Kulturministerin Kathrin Hilber nicht wirklich ein Begriff, und die aus dem Rheintal stammende Regierungsrätin Heidi Hanselmann hat ebenfalls noch nie einer Aufführung beigewohnt. Was sie über das Theater schon gelesen habe, mache aber «gluschtig». Sicher werde sie, falls der Terminkalender es erlaube, irgendwann unter den Zuschauenden weilen. Eine Eintrittskarte wird zwar kaum noch zu bekommen sein, doch die Theaterleute wären gewiss Feuer und Flamme, hätten sie die Ehre, der Regierungsrätin einen zusätzlichen Stuhl hinstellen zu dürfen. Oder zwei.

www.nostalgietheater.ch


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