No-Billag-Debatte: Niemand spricht vom Radio

SERVICE PUBLIC ⋅ Die No-Billag-Initiative will nicht nur dem Schweizer Fernsehen, sondern auch dem Radio die Gebühren und damit die Existenzgrundlage nehmen. Warum spricht dennoch kaum jemand vom drohenden Ende von SRF 1, Musikwelle oder Virus?
08. Februar 2018, 07:55
Dennis Bühler

 Täglich schalten 2,6 Millionen Menschen einen der sechs SRF-Radiosender ein. Wer einem dieser Programme zuhört, tut dies im Schnitt fast zwei Stunden lang. Auch bei der Glaubwürdigkeit liegen die Radiostationen vorne: In einer aktuellen Studie belegt SRF 1 knapp hinter der NZZ den zweiten Rang in der Deutschschweiz, während die beiden SRG-Kanäle La Première und Rete Uno in der Romandie respektive im italienischsprachigen Landesteil die Nase vorn haben.

Eine Annahme der No-Billag-Initiative entzöge allen SRG-­Stationen die Gebühren, weshalb nicht nur die TV-, sondern auch die Radiosender ihren Betrieb aufgeben würden. «Die gesamte SRG würde liquidiert – dies ist nach wie vor unser einziger Plan B», sagt SRF-Direktor Ruedi Matter (64). Obwohl seine Radio- die TV-Sender punkto Beliebtheit bei weitem übertreffen, sind Letztere im Abstimmungskampf das alles dominierende Thema. Warum eigentlich?

«Fernsehen ist farbig und prominent und fordert Auf­merksamkeit, was entsprechend Angriffsfläche bietet», sagt Lis Borner (58), Chefredaktorin von SRF Radio und damit Vorgesetzte von knapp 300 Journalistinnen und Journalisten. Radio hingegen begleite durch den Alltag, informiere, unterhalte und schaffe Stimmungen. «Wer eine emotionale und medienwirksame Kampagne führen will, fokussiert deshalb aufs Fernsehen.» Das tun sowohl das Initiativkomitee als auch die Gegner des Volksbegehrens: Während Olivier Kessler und Co. TV-Sendungen wie der «Arena» unausgewogene Berichterstattung vorwerfen, hört man von ihnen nahezu nie ein schlechtes Wort über Radio SRF; und auch die Vertreter des Nein-Lagers ­setzen in ihrer Argumentation primär auf den Fernsehbereich, in dem nach ihrer Lesart eine «Berlusconisierung» droht.

Einer, der beide Welten aus dem Effeff kennt, ist Nik Hartmann. Die SRF-Allzweckwaffe wird Mitte März – wenige Tage nach der No-Billag-Abstimmung – letztmals als Moderator im Vorabendprogramm von SRF 3 zu ­hören sein. Nach fast zwei Jahrzehnten beim Radio will er sich künftig auf seine TV-Projekte konzentrieren. Wenn man im Fernsehen etwas verzapfe, habe dies eine viel grössere Wirkung als im Radio, sagt der 45-Jährige. «Radio ist und bleibt der gute, verlässliche Kumpel im Hintergrund. Da gibt’s viel weniger Angriffsfläche als bei der bunten Diva Fernsehen.» Auch wenn sich die beiden Medien schwer vergleichen liessen: Beim öffentlichen Auftritt von Radio und Fernsehen hat Hartmann Unterschiede ausgemacht: «Wir Schweizer mögen Bescheidenheit», sagt er. «Und da mag die Wirkung des Radios eine leisere sein als die des Fernsehens.»
 

50 Franken pro Gebührenzahler

Auch wenn sich einige Radio-Mitarbeiter aus Angst vor einem Fehltritt so kurz vor der Abstimmung dann doch nicht zitieren lassen wollen: Viele von ihnen reagieren erfreut auf die Medienanfrage. Als seien sie erleichtert, dass man auch mal von ihnen spricht. Mario Torriani, Morgenmoderator und Chef aller Moderatoren bei SRF 3, sagt, die ­Radiostimmen seien im Leben vieler Menschen eine feste Gewohnheit. Aber viele Hörer seien sich nicht bewusst, dass die Initiative auch ihr Lieblingsradio tangiere. Im Abstimmungskampf stehe sein Medium auch deshalb nicht im Fokus, weil Radio in der Produktion relativ günstig sei, sagt der 42-Jährige. «Wer beim Radio spart, hat nicht viel gewonnen.»

Während die SRG für die Zuschauer im vergangenen Jahr 1,1 Milliarden Franken ausgab, waren es für die Hörer 436 Millionen Franken. Oder auf den einzelnen Gebührenzahler heruntergebrochen: Von den 178 Franken, die ein jeder ans SRF abliefert, fliessen 128 Franken ins TV und 50 Franken ins Radio – der Rest der Gebühren in Höhe von insgesamt 451 Franken geht an RTS (134), RSI (89), RTR (8) sowie an konzessionierte private Stationen und an die Billag für das Inkasso (42).


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