Hotel in der Hauptrolle

SPEKTAKEL ⋅ Das Ostschweizer Theater Jetzt bespielt das Hotel Le Prese am Ufer des Lago di Poschiavo. Da liessen sich vor 160 Jahren die ersten Kranken kurieren.
13. August 2017, 05:17

Thomas Mann hat diese Welt im «Zauberberg» beschrieben, diese zeitentrückte, von Krankheit und Tod geprägte Welt zwischen Berg und Sanatorium. Die gut betuchten Leute von Welt trafen sich aber nicht nur in Davos zu Geplauder, Golf und Geschichten, voller Kurorte war der Alpenraum. Und schon die Räter und Römer wussten sehr wohl, wo warmes, oft schwefliges Wasser aus dem Boden kam: in Baden, Leuk oder Gögging. Und im Puschlav.

Da, am Lago di Poschiavo, entsprang eine Schwefelquelle, und seit 160 Jahren steht da das Hotel Le Prese, ein ehrwürdiges Haus. Das will gefeiert sein – mit einem Spektakel, mit ausgebildeten Schauspielern und Laien aus dem Tal. Premiere und erste Vorstellungen im Juli waren ausverkauft, doch weitere Aufführungen folgen bis Oktober.

Die Schweiz: Europas Sanatorium

Das «Le Prese» hat für «Stella Alpina» das Theater Jetzt engagiert, das bereits zwei Produktionen ins Bündnerland gebracht hat, darunter vor drei Jahren eines für Poschiavo. Gründer und Spielleiter Oliver Kühn sagt: «Das Hotel Le Prese lässt sich als Symbol für viele Gesundheitsbewegungen des 19. Jahrhunderts sehen – die Schweiz war damals regelrecht das Sanatorium Europas.»

Das Stück «Stella Alpina» spielt im Hotel, erzähle aber nicht dessen Geschichte nach, sondern unternehme auch einen Streifzug durch Gesundheitsphilosophien der letzten zweihundert Jahre. «Da sind wir mitten im Jetzt, denn Yoga und lactosefreie Ernährung sind zwar heutiger Ausdruck einer gesunden Lebensweise, doch das Bewusstsein dafür ist seit der Industrialisierung aktuell.»

Die Hauptrolle spielt also das Hotel. Keine Kulissen werden er-richtet, die Zuschauer wandeln durch die Anlage und stossen allerorten auf Szenen, die um die Sanatoriumsthemen Kranksein und Gesundwerden kreisen. «Also eine theatralische Hausbesichtigung», sagt Oliver Kühn, «während der das Publikum ständig anderen Patienten, Gästen und auch der Hoteldirektorin begegnet.»

Im Ensemble spielt auch Boglárka Horvath mit, sie war bis zum Ende letzter Spielzeit zehn Jahre Mitglied des Ensembles am Theater St. Gallen und in Rollen wie Sabeth in «Homo Faber» unter Tim Kramer oder als Julia in «Romeo und Julia» unter Thorleifur Örn Arnarsson zu sehen. Seit ewig aber – zumindest im Stück als La belle Ondine – steht sie in einem Jungbrunnen und steigt nicht mehr heraus.

Aufstieg und Verfall und Rettung eines Hotels

Findige Puschlaver wollten vor 160 Jahren das Modell St. Moritz und Scuol kopieren und die Gesundheitsbewussten und Geldstarken anlocken. Die Hommage «Stella Alpina» des Theaters Jetzt streift aber nicht nur die Gründerzeit, sondern spricht auch die unruhigen Jahrzehnte danach an. Die Kraftwerke Brusio kauften das Hotel, dann ein Privater, 2008 ging «Le Prese» zu, wollte verfallen. Dann rettete und renovierte es Irma Sarasin aus Basel, seit vier Jahren lebt es wieder.

Dieter Langhart

«Stella Alpina»: Hotel Le Prese, Poschiavo Spieldaten: 24./25./28./29.8., 28./29.9., 5./6./12./13.10., 20 Uhr Reservation: 081 839 12 00 oder info@hotel-le-prese.com Infos: www.theaterjetzt.ch


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